01Deportation
Acht Stolpersteine an einer Adresse — die Familie Bloch
Acht Mitglieder der Familie Bloch wohnten in Sulzburg — am und um den Kirchbachweg 6. Acht Stolpersteine. Moses Bloch (Jg. 1855), Viehhändler, und seine Frau Pauline/Lina (Jg. 1862) mit ihren sechs Kindern Josef, Rosa, Toni, Martha, Gustav, und der separate Zweig mit Adolf Bloch (Jg. 1869). Alle wurden am 22. Oktober 1940 im Rahmen der Wagner-Bürckel-Aktion deportiert — einem einzigen Nacht-und-Nebel-Transport von über 6.500 Juden aus Baden und der Saarpfalz nach Gurs in Südfrankreich.
Jüdische Spuren in Sulzburg: Familie Moses Bloch
02Portrait
Adolf Bloch, der „Fischjud" — und das Haus, das er 1939 verloren hat
Adolf Bloch (1869–1941) war als „Fischjud" bekannt: Er fuhr mit einem Karren voll Fisch durch die umliegenden Dörfer. Das Paar lebte sehr arm. 1938 wurde der Laden zerstört. 1939 mussten sie ihr Haus zwangsverkaufen — das Haus an der Adresse selbst. Danach Zwangseinquartierung im jüdischen Gemeindehaus der Mühlbachstraße, einer Straße, die heute Gustav-Weil-Straße heißt — benannt nach dem Orientalisten, der aus Sulzburg stammte.
Jüdische Spuren in Sulzburg: Familie Adolf Bloch
03Musik
Gustav Bloch, Dirigent des Chors „Frohsinn" — 1933 ausgestoßen und körperlich angegriffen
Sohn Gustav Bloch (Jg. 1894) war vor 1933 Dirigent des gemischten Chors „Frohsinn" in Sulzburg — ein aktives Mitglied des lokalen Kulturlebens. 1933 wurde er aus dem Verein ausgestoßen und körperlich angegriffen. Er floh nach Frankreich. 1944 wurde er im Lager Drancy interniert und deportiert. Die Straße, auf der er deportiert wurde, trägt heute den Namen eines anderen Sulzburger Juden.
Gedenkstätten Südlicher Oberrhein: Erinnerung an Familie Bloch
04Synagoge
Die Synagoge, die nicht brannte — weil die Nachbarhäuser zu nah standen
Die Synagoge Sulzburg wurde 1821/22 gebaut — Architekt: Johann Ludwig Weinbrenner, Neffe des berühmten Karlsruher Baumeisters. Sie ist die einzige erhaltene Synagoge der Weinbrenner-Schule in Deutschland. Beim Novemberpogrom 1938 wurde sie schwer verwüstet, aber nicht niedergebrannt — die Nachbarhäuser standen zu nah, ein Brand hätte die ganze Altstadt erfasst. Danach: Turnhalle, Lagerhalle, Bibliotheksdepot. Erst 1984 restauriert und als „Haus der Begegnung" wiedereröffnet.
Wikipedia: Synagoge Sulzburg
05Goethe
Johann Daniel Schöpflin: Goethes Lehrer aus Sulzburg — starb einen Tag nach Goethes Promotion
Schöpflin wurde am 6. September 1694 in Sulzburg geboren. Er wurde Professor für Geschichte, Rhetorik und Recht in Straßburg, Mitglied der Royal Society (1728). Goethe kam 1770 nach Straßburg — und besuchte Schöpflins Lehrveranstaltungen. In „Dichtung und Wahrheit" (Bücher 9–11) nennt Goethe ihn als bewunderte Figur, der ihm die „Liebe zur Geschichte und besonders zur mittelalterlichen Dichtung" vermittelt habe. Am 7. August 1771 starb Schöpflin in Straßburg — einen Tag nach Goethes Promotion. Goethe reiste ab; sein Lehrer war tot.
Wikipedia: Johann Daniel Schöpflin
06Orientalist
Gustav Weil: Mit der Fremdenlegion nach Ägypten — und zurück mit 1001 Nacht
Gustav Weil (1808–1889), Sohn einer jüdischen Familie aus Sulzburg. Als Kind zum Rabbiner-Großvater nach Metz geschickt — er lehnte die Rabbinerlaufbahn ab. Studierte in Paris bei Silvestre de Sacy, dem berühmtesten Arabisten der Zeit. Fuhr als Korrespondent mit der französischen Fremdenlegion nach Algerien und Ägypten (1831–1835). Lehrte an der ägyptischen Medizinschule Französisch. Veröffentlichte 1837–41 die erste vollständige, originaltreue deutsche Übersetzung von Tausendundeiner Nacht — direkt aus dem Arabischen, kein europäischer Umweg. Als erster jüdischer Professor in Deutschland jahrzehntelang blockiert: ordentliche Professur erst 1861, ein Jahr vor der offiziellen Judenemanzipation in Baden.
Wikipedia: Gustav Weil
07Bergbau
Sulzburg: älteste Bergbaubelege Deutschlands — 5000 v. Chr.
Radiokarbon-datierte Holzkohlefunde belegen Hämatit-Abbau in Sulzburg um 5000 v. Chr. — im Neolithikum. Bei den Grabungen wurden 5.000 bis 10.000 Steinhämmer gefunden. Die Römer betrieben im 2.–3. Jahrhundert ebenfalls Schmelzbetrieb; ab dem 10. Jahrhundert wieder Bergbau. Sulzburg trägt das älteste bekannte deutsche Stadtsiegel mit Bergbau-Motiv. Unter dieser kleinen Stadt liegt sieben Jahrtausende Menschenarbeit.
Stadt Sulzburg: Bergbaugeschichte
08Bergbau
Die Himmelsehre — ein Silberstollen mit dem frömmsten aller Bergmannsnamen
Der Stollen „Himmelsehre" ist einer der zwei bedeutendsten Gänge im Sulzbachtal. Der Gesamtgang „Riester-Himmelsehre" lieferte geschätzt: 150.000 Tonnen Roherz, 2.500 Tonnen Blei, 50 Tonnen Silber. Der Name — wahrscheinlich ein frommer Bergmannsname, ähnlich wie „Gottes Segen" an anderen Schwarzwald-Gruben. In den Schachtwänden: charakteristische halbkreisförmige Ausbrüche der mittelalterlichen Hauerarbeit. Einer der seltenen Orte, an denen man noch mit der Hand die Spuren von Menschen berühren kann, die im 12. Jahrhundert arbeiteten.
Google Books: Der Blei-Silber-Bergbau in den badischen Oberlanden (2026)
09Kirche
St. Cyriak: Die älteste ottoni sche Basilika Südwestdeutschlands — ihr Turm ist noch älter als die Kirche
993 erhielt Graf Birchtilo von König Otto III. die Erlaubnis, ein Kloster zu gründen. Die Klosterkirche St. Cyriak gilt als älteste erhaltene ottonische Basilika in Südwestdeutschland. Ihr Turm ist der älteste erhaltene Kirchturm der Region. 1283 erhob der Markgraf die Ansiedlung zur Stadt. 1523 zwang Markgraf Ernst I., der seinen Wohnsitz nach Sulzburg verlegt hatte, die Nonnen zum Verlassen des Klosters. 1556 endgültige Auflösung durch die Reformation. Die Restaurierung 1956–1964 machte den Bau als eines der bedeutendsten ottonischen Kirchengebäude Deutschlands wieder sichtbar.
LEO-BW: Benediktinerinnenkloster Sulzburg
10Kloster
523 Jahre Frauenkloster — und dann kam der Markgraf
Das Benediktinerinnenkloster Sulzburg bestand von ca. 990 bis 1556 — 566 Jahre. 1523 zog Markgraf Ernst I. in seinen Wohnsitz neben dem Kloster ein und zwang die Nonnen fort. 1548 kurze Rückkehr unter päpstlichem Druck. 1556 endgültig aufgelöst. Die Kirche verfiel dann über Jahrhunderte still, bis sie wiederentdeckt wurde. Der Markgraf, der das Kloster auflöste, lebte buchstäblich Tür an Tür mit denen, die er vertrieb.
Stadt Sulzburg: Historischer Stadtrundgang
11Deportation
Gurs — ein Lager am Fuß der Pyrenäen, für Oberbadener bestimmt
Das Lager Gurs in Südfrankreich wurde 1939 für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge gebaut und 1940 zum Auffanglager für über 6.500 badische und saarländische Juden — in einer einzigen Nacht. Moses Bloch starb dort am 19. März 1941. Adolf Bloch am 28. Januar 1941. Pauline Bloch überlebte Gurs, überlebte Noé — und starb 1944 in Paris. Vier Kinder von Moses Bloch wurden von Gurs weiter nach Drancy gebracht und 1942 nach Auschwitz deportiert.
USHMM: Gurs
12Ironie
Die Gustav-Weil-Straße: benannt nach einem Orientalisten — Zwangsquartier für seinen Zeitgenossen
Die Mühlbachstraße in Sulzburg heißt heute Gustav-Weil-Straße — benannt nach dem Orientalisten und Übersetzer. In eben diese Straße wurde Adolf Bloch nach dem Zwangsverkauf seines Hauses einquartiert: ins jüdische Gemeindehaus, das damals dort stand. Der Mann, der nach 1001 Nacht griff, und der Mann, der seinen Fischkarren durch die Dörfer zog — beide aus Sulzburg, verschiedene Schicksale, eine Straße.
Jüdische Spuren in Sulzburg: Gustav Weil
13Wissenschaft
Erich Bloch — US-Computeringenieur, aus Sulzburg stammend
Erich Bloch (1925–2016), Informatiker und Ingenieur, stammte aus Sulzburg. Er emigrierte in die USA und wurde einer der Schlüsselfiguren bei der Entwicklung des IBM System/360 — eines der einflussreichsten Computer der Geschichte. Später leitete er die National Science Foundation. Er ist nicht mit der Bloch-Familie des Kirchbachwegs verwandt — aber seine Existenz zeigt, was Sulzburg in die Welt geschickt hat, wenn es seine Menschen gehen ließ.
Wikipedia: Erich Bloch
14Literatur
Sulzburg als „Notherberge" und „himmlische Landschaft" für Schriftsteller
Das Buch „Herzkammern" (2025) listet Sulzburg und den Breisgau als Rückzugsort für Schriftstellerinnen und Schriftsteller: von Grimmelshausen bis Hesse, von Kaschnitz bis zur Gegenwart. „Notherberge" und „himmlische Landschaft" sind dokumentierte Bezeichnungen aus Korrespondenzen. Die Landschaft war Fluchtpunkt, nicht Kulisse.
Google Books: Herzkammern (2025)
15Geschichte
1880: Eine komplette Stadt-, Bergwerks- und Waldgeschichte Sulzburgs
Bereits 1880 erschien „Sulzburg. Eine Stadt-, Bergwerks- und Waldgeschichte" von Eduard Christian Martini — das zeigt, wie alt das Bewusstsein für die Dreiheit dieser kleinen Stadt ist: Stadtleben, Bergbau, Wald. Keine andere badische Kleinstadt hat eine so früh dokumentierte Mehrdimensionalität ihrer Identität.
Google Books: Sulzburg. Stadt-, Bergwerks- und Waldgeschichte (1880)
16Rilke
Dieter Bassermann — Rilke-Forscher aus Sulzburg, Kaufmann und Literaturwissenschaftler
Dieter Bassermann (1887–1955), aus Sulzburg stammend, war Kaufmann, Lehrer und Literaturwissenschaftler — spezialisiert auf Rilke. Er ist ein seltener Typus: der Autodidakt als Rilke-Kenner. Wikidata führt ihn als „specialist in Rilke's works". Das Schwarzwaldkind als Interpret des Prager Weltdichters.
Wikidata: Dieter Bassermann
17Stadtrundgang
„Ein Stadtrundgang durch das Sulzburg der 30er Jahre" — ein Büchlein als Zeuge
2011 veröffentlichte die „Initiative Jüdische Spuren in Sulzburg" ein kleines Buch: „Ein Stadtrundgang durch das Sulzburg der 30er Jahre". Es dokumentiert die jüdischen Häuser, Läden, Familien der Stadt vor der Deportation — einen Alltag, der ausgelöscht wurde. Das Buch ist kein akademisches Werk, es ist ein Spaziergang.
Google Books: Ein Stadtrundgang durch Sulzburg der 30er Jahre
18Wasser
Mammutbaum mit Blitzschaden — direkt in der Nähe
Wikidata verzeichnet direkt in der Nähe des Kirchbachwegs: „1 Mammutbaum mit Blitzschaden". Das ist eine der intimsten Datenbank-Einträge, auf die ein Recherchesystem stoßen kann — nicht ein historisches Ereignis, sondern ein einzelner getroffener Baum, der trotzdem noch steht.
Wikidata: Sulzburg Umgebung
19Bergbau
Wanderweg Bergbaugeschichte — die Unterwelt als öffentlicher Weg
Sulzburg hat einen „Bergbaugeschichtlichen Wanderweg" — 1979 und 2007 dokumentiert. Der Weg führt über die Schächte, Halden und Stollen des alten Bergbaus. Die Luft ist anders dort, die Vegetation dünner, der Boden metallisch. Sieben Jahrtausende Arbeit als Wanderpfad.
Google Books: Bergbaugeschichtlicher Wanderweg Sulzburg (2007)
20Apotheke
Die Katharina-Barbara-Apotheke — eine Apotheke mit eigenem Buch und 400 Jahren Geschichte
Die Katharina-Barbara-Apotheke in Sulzburg hat ein eigenes wissenschaftliches Buch (1987, Willi Werth). Eine Apotheke, klein genug für eine Schwarzwälder Kleinstadt, aber mit einer Geschichte, die offenbar 400 Jahre trägt. Der Adolf-Bloch-Platz liegt direkt neben der Apotheke — der Mann mit dem Fischkarren und der Mann mit den Medikamenten, Tür an Tür.
Google Books: Die Katharina-Barbara-Apotheke (1987)